Wolfgang Krautzer

Digitale Kamerasysteme für Mediziner

Hunderte Modelle von Digitalkameras tummeln sich inzwischen bereits in den Regalen und Schaufenstern des Handels. Wohl dem, der sich vor einer etwaigen Anschaffung über seine echten Ansprüche im Klaren ist und bei Systementscheidungen auf fundierte Informationen zurückgreifen kann.

Wer sich für eine aktuelle Digitalkamera entscheidet, muss immer damit rechnen, von der nächsten Generation eingeholt zu werden. Jahrelange Zufriedenheit ist jedoch dann garantiert, wenn die Bedürfnisse und Problemlösungen vor dem Kauf genau abgeklärt wurden.

Wer also eine Lösung sucht, die seinen Bedürfnissen gerecht wird und auch einige Jahre lang damit arbeiten will, muß zuallererst genau formulieren, zu welchem Zweck die Kamera genutzt werden soll. Inzwischen gibt es wirklich für jede Anwendung und Preisklasse entsprechende Geräte. Das Schielen auf die immer neuesten Produkte aber vernebelt ein wenig den klaren Blick. Speziell professionelle Anwender wie Mediziner haben eine andere Erwartungshaltung als pixelbegeisterte Amateure. Zuerst also einmal, sollten generelle Unterscheidungskriterien zwischen verschiedenen Systemen gezeigt werden.

Das Megapixel Märchen

Genau wie bei Computern, wo bei den neuesten Modellen für ein paar Megaherz mehr an Leistung unverhältnismäßig hohe Aufpreise zu zahlen sind, so zahlt man auch bei Digitalkameras für nur ein paar Pixel mehr an Auflösung oft den doppelten Betrag einer an sich guten Kamera.

Hinter getunten Megapixel Zahlen verbirgt sich aber leider oft ein billiges Plastikgehäuse mit einer Spielzeuglupe statt einer robusten Kamera mit guter Optik. Mangelhafte Software und schlechte Bedienbarkeit lassen die Freude am neuen Gerät dann endgültig schwinden. In voller TIF Qualität lassen sich auf der mitgelieferten Speicherkarte nicht einmal 2 Bilder speichern (ehrlich, das gibt es), die brutalen JPEG Kompressionen zerstören aber nachhaltig jedes brauchbare Bild. Dass die Batterien nach wenigen Aufnahmen ihren Geist aufgeben ist bei der gebotenen Farbqualität oft noch ein gnädiger Akt. Eine Kamera also nur nach ihrer Pixel Auflösung zu beurteilen, ist ungefähr so klug, wie eine Stereoanlage nur nach ihrer Leistung in Watt zu messen. Natürlich ist eine hohe Auflösung bei entsprechender Kameraqualität meist zu bevorzugen, aber es gibt noch weit wichtigere Entscheidungskriterien. Wenn Sie also die Qual der Wahl haben, achten Sie auf folgende Kriterien.

Die Qualität der Optik

Heute sind eigentlich Zoom Objektive mit Autofocus bereits Standard. Echtes optisches 2fach bis 3fach Zoom kann schon verlangt werden. Sollte man Sie mit dem Terminus "digitales Zoom" beleidigen, das ist nichts als eine schlechte Interpolation (Hochrechnung) der Bilddaten, die Sie in ihrem Bildbearbeitungsprogramm sicher besser machen können. Hochwertige Objektive sind mehrlinsig aufgebaut und der wichtigste Bestandteil einer Kamera. Der Qualitätsverlust durch schlechte Objektive ist viel dramatischer als ein paar Pixel weniger am Chip es ausmachen könnten. Die Lichtstärke des Objektives (größtmögliche Blendenöffnung = kleinstmögliche Blende) ist ein wichtiger Faktor in schlechten Lichtsituationen. Vertrauen sie hier am ehesten Herstellern, die sich auch bei ihren analogen Kameras durch beste optische Qualität auszeichnen. Speziell professionelle Kleinbild Gehäuse mit Wechseloptiken sind hier die Referenz. Profis greifen auf nichts anderes zurück.

Ein robustes Gehäuse

Die hochwertige Elektronik einer Digitalkamera sollte auch entsprechend geschützt werden. Robuste Gehäuse mit "griffigem" Design machen das Fotografieren zum unbeschwerten Vergnügen. Wenn nicht das Gewicht ausschlaggebend ist, sind eindeutig Metallgehäuse zu bevorzugen. Wichtig ist aber auch die Ergonomie des Designs. Manche Kameras strotzen nur so vor Knöpfchen und Schaltern die eigentlich nur noch mit Kinderhänden zu bedienen sind. Einige Modelle haben leider auch das Display so unglücklich angebracht, dass man bei jedem Foto mit der Nase darauf einen Abdruck hinterlässt. Die japanischen Designer vergessen halt leider oft, dass Europäer etwas größere Finger und längere Nasen ihr Eigen nennen. Nehmen Sie also ihre Wunschkamera in die Hand und versuchen Sie damit ein paar Bilder zu machen. Ein gutes Kameragehäuse "spürt" man sofort.

Externe Blitzanbindung

Wer auch nur ein wenig mehr will als Familienschnappschüsse mit roten Augen, wird mit den eingebauten Blitzlösungen der meisten Modelle nicht glücklich werden. Dieser berüchtigte "rote Augen" Effekt entsteht leider durch die zu große Nähe des Blitzes zum Objektiv, die aus platztechnischen Gründen oft nicht anders zu lösen ist. Die Methode "Vorblitz", die mehrere leichte Blitze vor der eigentlichen Aufnahme zum Schließen der Pupillen verwendet, zeigt leider auch keinen echten Erfolg. Spontane Aufnahmen sind so nicht mehr möglich, das typische "Fotogrinsen" bringt keine guten Schnappschüsse. Besser ist hier ein externer Blitz, der ruhig von ihrer alten Analogkamera stammen kann. Voraussetzung ist aber ein Synchronisationskontakt an der Digitalkamera. Viele Hersteller haben hier gelernt und ihre neuen Modelle damit ausgestattet. Somit steht auch einer kreativeren Lichtführung nichts mehr im Wege.

Gute Speicherlösungen

Ein eigenes Kapitel sind die heute üblichen Speicherkarten. Grob gesprochen sollte aber das mitgelieferte Medium mindestens der Auflösung ihrer Kamera gerecht werden. Eine Kamera mit 2 Millionen Pixel Auflösung (6 MB Bilder im TIF Format) sollte also nicht mit einer armseligen 8 MB Smart Media Card ausgeliefert werden. Kameras die mehrere Speicherlösungen unterstützen sind eindeutig zu bevorzugen. Für eine solche Kamera sollten eher 32 MB Karten zur Anwendung kommen. Das durchgängig bewährte Medium ist hier "Compact Flash" oder "Flash 2", Exoten wie "Memory Stick" oder langsame Medien wie "Smart Media" sind eigentlich nicht sehr interessant.

Kleinere, billige Kameras mit geringerer Auflösung kommen mit den günstigen aber langsamen "Smart Media Cards" zwar durchaus aus, Kameras hoher Auflösung sollten da aber unbedingt "Compact Flash Cards" unterstützen. Der "Memory Stick" muss sich vielleicht erst durchsetzen, auch der "Micro Drive" hat noch Anbindungsprobleme an manche Geräte. Steinzeitlösungen mit "1,4 MB Floppy Disks" gehören ins Museum.

Gutes Power Management

Eine der ersten Consumer Digitalkameras, die ich in Händen hielt schaffte gerade 10 Aufnahmen bis zum Wechsel des gesamten Batteriesatzes. Der Fehler, die Aufnahmen lange am Display zu betrachten und einige Kamera Einstellungen vorzunehmen, wurde schlagartig bestraft. Der zweite Satz Batterien hielt dann aber auch nur 20 Aufnahmen lang. So schlimm ist es heute zum Glück nicht mehr, doch man darf nie vergessen, dass hier neben Blitz und Display ein ganzer Computer mit Strom versorgt werden muss. Neben einem sauberen "Power Management" der Kamera und Software sollte auch eine kraftvolle Stromversorgung mit Akkus und Ladegerät selbstverständlich sein. Hier rächt sich eine knausrige Firmenpolitik sofort. Größere Speicherkarten kann man zähneknirschend nachkaufen. Eine schlechte Stromversorgung aber begleitet einen ein Kameraleben lang. Also lieber eine etwas größere Kamera mit einem ordentlichen Kraftwerk erwerben. Kameras ohne wieder aufladbare Akkus sollte man aus Umwelt- und Kostengründen sofort vergessen.

Perfekte Farbgebung

Selbst der gleiche CCD Chip kann je nach angewandter Farbroutine ausgezeichnete Bilder oder reinen Datenschrott erzeugen. Die Interpretation der Daten eines Chips verlangt also viel Wissen um Farbprozesse und ein sauber geschriebenes Importprogramm. Kamerahersteller, die hier ohne entsprechende Erfahrung agieren bringen oft nur traurige Ergebnisse zustande. Gerade die sauberen Farbroutinen, die sehr schwer zu programmieren sind, sind ganz leicht zu überprüfen. Ein Probefoto zeigt hier sofort die Schwächen der Softwareroutinen auf. Ziel einer guten Digitalkamera muss es also sein, ohne große Kunststücke in Bildbearbeitungsprogrammen perfekte Bilder zu erhalten. Einigen Herstellern gelingt das schon ganz ausgezeichnet. Ein eingehender Test vor dem Kauf macht Sie sicher.

Die Software Ausstattung

Viele der heute angebotenen Kameras kommen mit einer vorbildlichen Ausstattung auf den Markt. Besonders gute Lösungen beinhalten auch Bilddatenbanken zur Verwaltung der erzeugten Bilder, was bereits nach kurzer Zeit dringend notwendig ist. Die Software zum Bildimport beinhaltet meist auch einfache Bearbeitungsroutinen, so dass oft bei einfachen Lösungen auf eine echte Bildbearbeitungssoftware verzichtet werden kann. Die karge oder reichhaltige Ausstattung mit entsprechenden Programmen ist sicher auch ein wichtiges Entscheidungskriterium, ebenso die Anbindung an übliche Schnittstellen. Kameras die über den USB Port ansprechbar sind, können von Mac und Windows Usern leicht angesprochen werden. Bei Lösungen die nur Parallelports unterstützen, oder auch nur Windows Software im Paket haben, müssen "Macianer" auf Kartenlesegeräte und EBV Programme zurückgreifen. Gute Kameras haben für alle Betriebssysteme eine Anbindung. Professionelle Geräte verwenden den Fire Wire Bus, eine extrem schnelle und robuste Schnittstelle. Grundsätzlich muss aber auch ein professionelles Softwarepaket leicht und intuitiv bedienbar sein.

Die leichte Bedienbarkeit

"Easy to use" ist in meinen Augen der wichtigste Faktor aller Digitalanwendungen überhaupt. Was nützt mir die tollste Ausstattung, wenn die Kamera so schrullig in der Bedienerführung ist, dass die besten Sujets verloren gehen. Hier haben alle Hersteller noch ihre Hausaufgaben zu machen. Furchtbare Menüs mit dutzenden Untermenüs verstecken wichtigste Funktionen, während unnötige Einstellungen eigene Schalter und Knöpfe belegen. Absolut unlogische Bedienfelder lassen die "Praxisnähe" der beteiligten Programmierer nur erahnen. Hier wäre Pionierarbeit zu leisten und Kundenbefriedigung zu ernten.

Schuld an dem Dilemma sind auch die lieben Konsumenten, die sich durch eine wahnsinnige "Funktionsvielfalt" in ihrer Kaufentscheidung beeinflussen lassen. Diese "Featuritis" macht ja auch schon Videorecorder, Mobiltelefone und Autoradios absolut unbedienbar. Ohne mehrtägigen Intensivkurs und abgeschlossene Informatikausbildung lassen sich manche Geräte einfach nicht mehr bedienen. Die beste "Software Ergonomie" bietet hier diejenige Kamera, bei der man die Bedienungsanleitung praktisch nie zu Rate ziehen muss. Auch ich als Profi schäme mich nicht, von einer Kamera zu verlangen, dass sie in ihrer Bedienung "idiotensicher" ist. Meine Kreativität und meine Zeit sind mir zu wertvoll, um sie mit dem Studium verkorkster Bedienungsanleitungen zu vergeuden, die nur die menschenfeindliche Einstellung ihrer Erzeuger wiedergeben. Professionelle Digitalkameras unterscheiden sich in der Benutzerführung überhaupt nicht von ihren analogen Brüdern. Die Kodak DCS 660 Kamera zum Beispiel wird exakt wie das Nikon F5 Gehäuse bedient und verlangt keinerlei Umschulung.

Digitalfotografie als Partner des Mediziners

Fotografische Verfahren wurden in der Medizin schon immer erfolgreich eingesetzt. Gerade die Digitalfotografie jedoch, mit sofortiger Verfügbarkeit und perfekten Archivierungsverfahren, bietet sich hier besonders an. Die Einsatzbereiche beinhalten fast alle Fachgebiete.

In der Mikroskopie kommt es vor allem auf gute Anbindungen an Mikroskope an. Hier haben Hersteller klassischer Gehäuse und Bajonette große Vorteile. Die hohe Datenmenge (18 MB bei Kodak DCS Kameras) ermöglicht eine perfekte Beurteilung in Bildanalyse Systemen.

Der Ophtalmologe braucht nun nicht mehr auf die Entwicklung eines Filmes zu warten. Diagnosen können unmittelbar nach der Aufnahme gestellt werden. In der Zahnmedizin können Fortschritte perfekt dokumentiert werden, die Archivierung von Röntgenaufnahmen ist ein weiteres Thema.

Speziell Dermatologen brauchen höchste Auflösungen, höchste Farbtreue und Anbindung an perfekte medizinische Macro Objektive zur Dokumentation ihrer Arbeit. Systemkameras mit Ringblitz- Objektiven und Anbindung an Spaltlampen erfüllen auch die Ansprüche an spezielle Lichtsituationen. Daraus ergibt sich ein ganz spezielles Anforderungsprofil an Digitalkameras für medizinische Anwendungen.

Die ideale Kamera für Mediziner

Klassische professionelle Kleinbild Gehäuse treffen bestens jeden Standard. Egal ob Anbindung an Mikroskope, Spaltlampen, Ringblitze oder Blitzanlagen, diese Geräte sind auf alles vorbereitet. Kleinere Kompaktkameras brauchen Adapter und bringen auch optisch nie die geforderten Leistungen.

Hohe Auflösungen, wie in der Medizin gefordert, werden nur von professionellen Systemen unterstützt. Speziell in der Dokumentation oder im Röntgenarchiv sind halbherzige Consumer Kameras völlig unbrauchbar. Die Datendichte einer Kodak DCS 660 Kamera (Nikon F5 Body) erreicht hier mit 18 MB Datenmenge Werte, die sonst nur noch von bestem Diamaterial erreicht werden.

Die hohe Farbtreue, die z.B. in der Dermatologie gefordert wird, kann nur von professionellen Systemen geliefert werden. Perfekter Weißabgleich und feinste Differenzierung zeichnen echte Lösungen aus. Billige Geräte können hier keinerlei Referenzen erreichen.

Die Archivierung stellt ganz besondere Anforderungen an verwendete Formate. Speziell die RAW-TIFF Formate der Kodak DCS Kameras haben absoluten Dokumentcharakter und sind fälschungssicher. Außerdem beinhalten sie bereits eine automatische Aufzeichnung von aufnahmerelevanten Daten wie Blende, Verschlusszeit, Datum und Uhrzeit sowie eine intelligente Kompression zur Reduktion der Datenmengen. Selbst Fehlbelichtungen bis zu plus/minus 2 Blendenstufen können nach der Aufnahme noch korrigiert werden, ohne das Foto selbst wiederholen zu müssen.

Vorhandenes Personal sollte außerdem ohne jegliche Umschulung sofort auf digitalen Systemen arbeiten können. Gerade professionelle Kleinbild Geräte bieten hier die Möglichkeit sofort integriert zu werden.

Service und Schulung

Gerade die Entscheidungsträger im Einkauf von Kamerasystemen, übersehen in ihrer Verblendung durch Preise und Konditionen die eigentlichen Faktoren für beste Produktivität. Ein bestens ausgestatteter Systemlieferant kann eben nicht nur Kameragehäuse liefern, sondern stellt auch Kapazitäten für Installation, Systemkalibrierung und Schulung zur Verfügung. Gerade dieser Bereich ist für die sofortige Verfügbarkeit und Nutzung von digitalen Systemen entscheidend. In entsprechenden Berichten des Rechnungshofes wird immer wieder darauf hingewiesen. Erst der routinierte Einsatz, unterstützt durch ein erfahrenes Schulungsteam, erlaubt sofortige Nutzung der Vorteile und Synergien dieser modernen Technologie.

Der Bestpreis hat also nicht wirklich die kleinste Zahl, sondern den höchsten Gewinnfaktor.

(Autor: Wolfgang Krautzer, Studio Laxenburg, Johannespl. 4, A-2361 Laxenburg, Tel.: 02236-72416)