Psychotherapie - ein Weg der Bewältigung

Dieser Vortrag ist eine Hommage an Lawrence LeShan, einen der Großen der Psychoonkologie

Was ist das - Krebs? Ein Haufen verrückt gewordener Zellen? Eine Todesdrohung? Ein genetischer Defekt? Die Schattenseite unseres saturierten Konsumlebens? Ein Irrtum der Natur? Fleischgewordenes Schuldgefühl? Die Chance auf ein neues Leben? Gottes Strafe? Der Sturz aus der normalen Wirklichkeit, wie es Klaus Gerdes, der deutsche Medizinsoziologe genannt hat? Was er auch immer ist, der Krebs, für den Betroffenen und sein Umfeld ist es eine Katastrophe, ein schwerer Schlag, nicht selten der letzte in einer langen Reihe gleich lautender. Krebs ist vordergründig eine körperliche Erkrankung, es ist daher nahe liegend sich der Medizin zuzuwenden. Doch kaum haben sie das getan, schon sind sie verstrickt in dem Dilemma, das die zeitgenössische Medizin kennzeichnet. Es wird ihnen bedeutet, dass sie zu spät kommen, dass es ein Fehler war so viel zu rauchen, dass sie eine Chance von 85% haben davonzukommen, nicht aber zu welcher Gruppe sie gehören und so weiter! Ihre Angst wird größer! Wo ist Hilfe? Wer kann ihnen sagen, dass alles nicht so schlimm ist? Oh ja, auch das bekommen sie zu hören, die Mitzi Tante, die lebt heute noch und der Onkel Erwin war damals bei diesem Wunderheiler, wie hat er nur geheißen?, der lebt auch noch ... Und sie müssen erkennen, niemand kann ihnen etwas sagen, etwas das ihnen diese würgende Angst nimmt. Niemand, wirklich niemand? Da, in einem lichten Moment, hören sie eine Stimme, und diese Stimme kommt nicht von außen, nein sie kommt von innen! Es ist eine schwache Stimme, als käme sie von weit her, aus einer längst vergangenen Zeit. Und die Stimme sagt ihnen etwas, etwas das sie ohnedies wissen, aber es ist ein dumpfes, verschüttetes, schwer fassbares Wissen. Und sie erkennen, es gibt tatsächlich eine Chance, allerdings würde das bedeuten Sie brechen schier zusammen, wenn sie sich ausmalen, was das an Veränderungen bedeuten würde, welche Kraftanstrengung auf sie zukäme und sie resignieren erneut! Was das ist Krebs? Vor allem eine tödliche Gefahr! Es ist wie Krieg, wie Geiselnahme, wie ein terroristischer †berfall! Ich habe im Time Magazine einen interessanten Artikel gelesen über das Verhalten von Menschen im Katastrophenfall, Anlass waren Untersuchungen zur Twin Tower Katastrophe 9/11. Bei diesen und vergleichbaren Katastrophen zeigt sich, dass Menschen nicht, wie zu erwarten, instinkthaft das Richtige machen und sofort fliehen, nein, sie verharren in paralysierender Angst und lassen wertvolle Zeit verstreichen. Außer man verhält sich - oder hat eine Geschichte - wie Paul Heck: Er erlebte, und überlebte als Bub einen Theaterbrand; beim größten Unglück der Zivilluftfahrt 1977 auf Teneriffa - es kamen 583 Menschen ums Leben - rettet er sich und seine Frau. Ein Flugzeug der KLM war auf die am Boden stehende PanAm Maschine geprallt. Die Passagiere der KLM Maschine waren alle sofort tot, jenen, der PanAm Maschine, passierte im ersten Moment nichts, jedoch fing das Flugzeug nach wenigen Minuten Feuer. Heck hatte am Beginn des Fluges die ganzen Sicherheitseinrichtungen studiert. Seine Kindheits-erfahrung ließ ihn vorsichtig sein. Jetzt war er einer der wenigen, die sich auskannten und das einzig Richtige tat. Er packte seine neben sich - in paralysierter Angst - sitzende Frau und flüchtete aus dem Flugzeug.

Kann Psychotherapie Krebs heilen...? An dieser Frage scheiden sich die Geister, was unter anderem zur Folge hat, dass wertvolle Zeit vergeht, wertvolle Zeit, die dafür genützt werden könnte zu erforschen, was an ihr und wie genau Psychotherapie hilft. Die Geister scheiden sich deswegen, weil die Frage völlig falsch gestellt ist! Im übertragenen Sinn würde sie heißen: Kann Psychotherapie Flugzeugunglücke verhindern? Wie Sie aus meinen Worten entnehmen können, geht es darum, eine Hilfestellung im Katastrophenfall anzubieten, einem Katastrophenfall, für den die meisten Menschen nicht gerüstet sind! In diesem Sinne hat die Psychotherapie jedoch einen Stellenwert und sogar einen beträchtlichen. Ich zitiere die Aussage einer jungen Krebspatientin, die ihre Eindrücke an einer onkologischen Ambulanz wie folgt zusammengefasst hat: "Die Leute sterben nicht an ihrem Krebs, nein sie verrecken an ihrer Angst!" Krebs kann tödlich sein! Aber es gibt Spontanheilungen und es gibt Patienten, die ihren Krebs überleben! Wodurch zeichnen sich diese Schicksale aus? Es ist nicht so, dass wir dies - zumindest in Ansätzen - nicht wissen würden!

Ich zitiere LeShan; er formuliert in seinem Buch "Wendepunkt und Neubeginn" ganz klar: Auf der Ebene, auf der hier geforscht wird - molekulare Interaktionen innerhalb der biologischen Systeme - weiß bis heute niemand eine Antwort. "Doch auf der Ebene der menschlichen Interaktion - was ein Krebskranker tun sollte, um sein Immunsystem zu mobilisieren und damit zur Unterstützung des medizinischen Behandlungsprogramms beizutragen - wissen wir eine Antwort."

Lassen Sie es mich an einem Fallbeispiel demonstrieren: Winfriede Hrba, war (oder ist es vielleicht noch immer) Abgeordnete zum Tiroler Nationalrat. Sie entwickelte Brustkrebs. 5 Jahre nach der Diagnosestellung luden wir sie zu einer Veranstaltung nach Wien ein, damit sie ihren Weg beschreiben möge. Dieser kann als Modell angesehen werden. Sie schöpfte die Möglichkeiten der Schulmedizin aus, sie outete sich in ihrem beruflichen Umfeld. Alles was an sie herangetragen wurde und von dem sie das Gefühl hatte, das passe zu ihr, hat sie ebenfalls ausgeschöpft, Geistheiler, Kräuterweiblein und, und, und... Ich habe sie vor ein paar Jahren wieder in Innsbruck getroffen, sie erfreute sich bester Gesundheit.

Angst, meine Damen und Herren, ist ein Phänomen, das uns schützt. Wir greifen nicht mehr auf die heiße Herdplatte, weil dies sehr weh tut, aber wie wir aus der Stressforschung wissen, kann sie sich auch zum Bumerang entwickeln und tödlich sein. Psychotherapie bei Krebs ist in erster Linie Unterstützung zur Angstbewältigung. Psychotherapie bei Krebs bedeutet Hilfestellung im Katastrophenfall!

Angst ist ein wichtiges Alarmsignal, chronische Angst hat aber eine Menge körperlicher Konsequenzen und schädigt den Organismus. Angst schmälert die Kraft, die das Individuum braucht, um die Krebserkrankung zu bewältigen.

David Spiegel, ein bedeutsamer Forscher der Psychoonkologie, hat in einer Untersuchung festgestellt, dass sich bei Krebspatienten ein spezifisches, sich von Gesunden deutlich unterscheidbares, Muster des Cortisolspiegels nachweisen lässt - Cortisol ist das Stresshormon - ; d.h., dass bei Krebs ein chronischer Angstzustand herrscht, der einer Genesung entgegensteht. Dies ist eine von zahlreichen Untersuchungen, die den Zusammenhang zwischen seelischem Geschehen und körperlichen Reaktionen zeigt. Eine weitere - das Ergebnis hat auch zu einem Umdenken in der Onkologie geführt - war die Untersuchung von R. Bartrop, der zeigen konnte, dass Trauern die Immunkompetenz senkt.

Bruce McEwen, Psychologe an der Yale Universität, konnte zeigen, dass das Immunsystem durch Stress - sprich Angst - so geschwächt werden kann, dass eine Metastasierung deutlich beschleunigt wird.

Sie sehen also schon bei diesem kleinen Ausschnitt an Untersuchungsergebnissen, dass eine Angstreduktion äußerst wichtig ist. Damit ist die Anwendung von Psychotherapie auch wissenschaftlich untermauert, und so ist es auch erklärbar, dass es durchaus nicht unwahrscheinlich ist, dass sie lebensverlängernd wirken kann.

Woher kommt also diese Anti-Haltung gegen die Psychotherapie, die gerade in der Psychoonkologie sehr stark ausgeprägt ist? Möglicherweise daher, dass Psychotherapie nicht gleich Psychotherapie ist, dass der Begriff zu unspezifisch gefasst ist. Vielleicht enthält nicht jede psychotherapeutische Intervention Aspekte, die einen Wendepunkt und Neubeginn (LeShan) induzieren. Ich bringe in diesem Zusammenhang ein bemerkenswertes Zitat: J.C. Flügel, ein Schüler von Freud, fragte ihn in seinem Londoner Exil, also kurz vor seinem Tode, Sagen Sie mir, verehrter Meister, was ist der Grund dafür, dass die Psychoanalyse heilt?" Und Freud antwortete nach einigem Nachdenken: Es gibt einen Moment, in dem der Analytiker den Patienten liebt und der Patient weiß das und ist dann geheilt."

Die Psychotherapie, von der ich spreche, enthält Elemente der tiefen, menschlichen Begegnung, existentielle Ansätze, die das Eingebundensein des Todes im Leben betonen, und die den geheimnisvollen Urgründen menschlichen Seins nahe kommen. Diese Psychotherapie, von der ich spreche, hat direkt und indirekt ihre Wurzeln in der Reaktion auf eine der schwärzesten Phasen menschlicher Geschichte, dem Nationalsozialismus. Fritz Perls, Viktor Frankl, Aaron Antonovsky und mehr am Rande, Bruno Betelheim haben Elemente in die Psychotherapie eingebracht, die sie dazu befähigen, Menschen in schwersten Krisensituationen beizustehen.

LeShan, er war ursprünglich Psychoanalytiker, hat immer wieder betont, dass es eines besonderen Vorgehens bedarf, wenn man mit Krebspatienten psychotherapeutisch arbeitet. Dabei geht es nicht um eine spezielle Schule, sondern um die Frage, ob existentielle Themen mit der entsprechenden Tiefe angesprochen werden.

Sie erinnern sich, ich habe zu Beginn ein Szenario skizziert, in dem der Betroffene sehr wohl verspürt, was ihm, respektive wie er sich helfen könnte, er sich aber zu schwach fühlt das umzusetzen. Aus zahlreichen Therapien, in welchen ich immer wieder an diesen Punkt kam, habe ich abgeleitet, dass der Therapeut der Anwalt des schwachen Ichs" sein muss, dass er jener Stimme, die ohnedies da ist, mehr Kraft verleiht. In der Psychotherapie mit Krebskranken geht es oft darum, basale Aspekte des Lebens wie Beruf, Beziehung etc. in Frage zu stellen und eventuell umzukrempeln. LeShan hat den Begriff der Lebensmelodie eingeführt und meinte damit, dass es eine grundsätzliche, sehr individuelle Schwingung gibt, nach der wir leben. Die Lebensmelodie ist demnach so spezifisch wie ein Fingerabdruck, einzigartig und unverwechselbar. Und wenn sie uns verloren geht, diese Lebensmelodie, dann werden wir krank.

Ich möchte aus meiner Praxis hier noch etwas hinzufügen: Oft genug habe ich bei Krebspatienten gesehen, dass sie das hässliche Entlein sind, dass sie in einem Kontext leben, in dem ihre individuellen Fähigkeiten nicht nur nicht geschätzt sondern verurteilt werden. Aus dem Schicksal von Geheilten, kann man sehr deutlich ableiten, welcher Weg zu einer Bewältigung notwendig ist. Wenn jemand das Gefühl der Hoffnungslosigkeit hat, wenn er keine Lebensperspektive hat, dann werden seine Chancen schlecht stehen, wenn jemandes Beziehungsgeflecht zu dünn oder nicht nahrhaft genug ist, wird sich das nachträglich auswirken, wenn jemand eine mangelnde Autonomie hat, dann wird er nicht den Mut finden, in dem Wirrwarr der Ansprüche, die über ihn hereinbrechen, jenen Weg zu wählen, der für ihn der heilsame ist.

All dies sind Aspekte, bei denen psychotherapeutische Hilfe essentiell sein kann. Das Angebot einer tiefen Beziehung, die verstehend, wohlwollend und ohne versteckte Verpflichtungen ist, kann einen lebensrettenden Anker darstellen.

Wir Menschen sind ja so konstruiert, dass wir im Stande sind, die größten Entbehrungen über oft unglaublich lange Zeit zu überstehen. Das Bergwerksunglück von Lengede - Oktober 1963 - zeigte diesen Umstand sehr drastisch. Es ist als Wunder von Lengede" in die Geschichte eingegangen.

3Sat hat anlässlich des 40. Jahrestages eine Dokumentation gedreht und jene †berlebenden interviewt, die damals nach 14 Tagen aus der Tiefe geholt wurden. Was sie am Leben gehalten hat? Auffallend war eine redundante Aussage, sie hatten alle eine sehr starke Beziehung zu ihren Angehörigen. In lebensbedrohlichen Situationen ziehen wir eine sehr nüchterne Bilanz: Lohnt es sich, die Qualen auf sich zu nehmen oder nicht? Der Wertmaßstab für diese Entscheidung ist die Beziehung, die Qualität des Beziehungsnetzes. Oder anders ausgedrückt: Liebe zu anderen Menschen erhält das Leben!

Natürlich kann es sein, dass jemand in einer lieblosen Umgebung lebt. Aber es kann auch sein, dass er die Liebe, die ihm entgegengebracht wird, nicht mehr sieht. Verletzungen, Enttäuschungen lösen Hass und Verbitterung aus und machen blind. Darin sehe ich auch eine wesentliche Aufgabe der Psychotherapie mit Krebskranken, diese Bilanz zu erstellen, aber auch nachzuschauen, ob sich nicht in einem Berg von Enttäuschungsmüll das eine oder andere Goldstück verbirgt.

Nochmals ein Ausblick auf die Wissenschaft: Wie schon N. Grulke dargestellt hat, gibt es gute und schlechte Coping Strategien, d.h. es gibt eine Haltung, mit der die Wahrscheinlichkeit der Bewältigung der Erkrankung steigt. Man kann diese Botschaft nicht laut genug verkünden! Aber was machen Sie, wenn sie eine schlechte haben? Und noch schlimmer, was machen Sie, wenn Sie eine schlechte Coping Strategie haben und darum wissen? In diesem Fall ist die Psychotherapie aufgerufen; sie impliziert noch eine weitere Chance!

Was ist denn nun das Wesen einer psychotherapeutischen Behandlung? Sartre meinte pointiert, sie könne eine missglückte in eine geglückte Beziehung umwandeln. Auch auf die Gefahr hin, dass man mir eine reduktionistische Haltung zuschreibt, möchte ich behaupten, dass das Wesen der Psychotherapie lediglich darin besteht, über den Weg von Beziehung Ermutigung zu schaffen. Ermutigung, den eigenen Weg zu gehen, seine Lebensmelodie zu leben, sein Selbst zu finden, die Inkongruenz von Innen und Außen zu beseitigen, sich passende Verhältnisse zu schaffen.

Wie schon oben ausgeführt habe ich den Begriff Anwalt des schwachen Ichs geprägt, um es auf den Punkt zu bringen, worum es in der Psychotherapie geht. Wenn diese Form der Unterstützung gelingt, dann kann sie - scheinbare - Wunder vollbringen. Oder um jenes andere Bild zu bemühen, dann wird sich das hässliche Entlein bewusst werden, dass es eigentlich ein Schwan ist.

Also, kann man mit Psychotherapie Krebs heilen? Ich hoffe, dass meine Ausführungen so klar waren, dass dabei sichtbar wurde, dass dies eine Killerphrase ist. Aus welcher Motivation heraus sie auch entstanden sein mag, sie bewirkt unter anderem, dass wichtige Forschungsansätze über Jahre blockiert sind! Ich möchte auf noch eine Widersprüchlichkeit aufmerksam machen: Wenn Sie mit suizidalen Patienten arbeiten, wird von Ihnen erwartet werden dass die Psychotherapie lebensrettend ist, wenn Sie das im Kontext der Psychoonkologie behaupten, laufen Sie Gefahr, der Scharlatanerie geziehen zu werden.

Meine Damen und Herren, es ist mir ein Anliegen, den Stellenwert der Psychotherapie in der Psychoonkologie herauszuarbeiten und zu zeigen, dass sie eine sehr bedeutsame Ressource sein kann, wie schon LeShan vor inzwischen 50 Jahren gezeigt hat.

Dr. Hans Peter Bilek
Vortrag anlässlich der Tagung der …GPO am 11.Juni 2005,
Wege der Bewältigung