Die Bedeutung von Wirtschaft und Wirtschaftlichkeit, die Notwendigkeit des sparsamen Umgangs mit Ressourcen und der rationelle Einsatz sogenannter Betriebsmittel sind etwas, worüber man sich in und außerhalb der Politik verständigen könnte.
Die Geister scheiden sich bei der Verabsolutierung wirtschaftlicher Betrachtungen, die - wie viele meinen - gesellschaftliche Vorgänge allein nicht erklären können und für sich genommen auch nicht imstande sind; einen umfassenden Beitrag zur Lösung gesellschaftlicher Probleme zu leisten.
Versuchen wir daher den Verlockungen der üblichen Schwarz_Weiß_Malerei zu widerstehen. Falls wir unsere Seelen nicht schon verkauft haben, könnten wir uns fragen, welchen Wert wir, die Gesellschaft, die Politik, die ÄrztInnenkammer und andere der Seele zumessen und in welche Auslagen diese unsere Seelen von unterschiedlichsten Gruppen gestellt werden.
Parlamentarische Budgetdebatten, die letztlich wohl so etwas sind wie mit Werten unterfütterte Wirtschaftvorlesung sind mühsam, schwer lesbar und schwer verständlich.
Nun behaupte ich, dass es sich mit der Ökonomie der Seele keineswegs einfacher verhält. Insbesondere dann, wenn ein ausgeglichener Haushalt, ein Gleichgewicht von Ein- und Ausgaben angestrebt wird.
Auch in der Psychotherapie gibt es verschiedenste ideologische Zugänge, unterschiedliche wissenschaftliche Parteilichkeiten, vom Urschrei bis zur Logotherapie.
Gefühle, Affekte, Stimmungen und Temperament lassen sich allerdings weniger leicht in Zahlen festschreiben, weniger leicht addieren, nur mit dem Verteilen von Plus und Minus in der Bewertung seelischer Bilanzen scheinen einige Menschen wenig Probleme zu haben.Wenn dieser Kongress unter anderem sich die Ziele setzt:
- die Bedeutung und den Stellenwert der Psychoonkologie zu heben
- die psychoonkologische Versorgungssituation in Österreich zu verbessern
- und eine nachhaltige öffentliche Finanzierung sicherzustellen,
dann sollten wir die psychischen Bestimmtheiten aller Akteure, insbesondere jene außerhalb des Hörsaales auf allfällige Gemeinsamkeiten untersuchen.
Unser aller Reservoir an Energie, Aufmerksamkeit und Belastbarkeit mag unterschiedlich groß sein, begrenzt sind diese Reserven aber allemal.
Dieser ökonomische Umgang mit einer definierten Menge seelischer Energie kann dazu führen, dass bereits im Vorfeld der Wahrnehmung selektiert wird, Reflexionen sich auf vordergründig Notwendiges oder Angenehmes fokussieren und manche Handlungen in und außerhalb der Politik nicht gesetzt werden, die von anderen erwartet werden.
Mechanismen der Auswahl und Verdrängung finden sich nicht nur bei TherapeutInnen und budgetverantwortlichen Regierungsmitgliedern, sondern _ wie Sie wissen _ auch bei PatientInnen.
Wenn internationale und nationale Studien den Prozentsatz Psychotherapiebedürftiger mit bis zu 25 % angeben, so bleiben diese Studien wohl nur deshalb für unser Selbstwertgefühl und die Budgetverantwortlichen verdaulich, weil kaum dreißig Prozent dieses Viertels aus welchen Gründen auch immer psychotherapiewillig oder -fähig sind.
Viele von uns haben sich arrangiert und haben gelernt, mit Ausblendung und Verdrängung zu leben. Verdrängung und neurotische Verarbeitung wurde vielen zur Krücke, mit denen man mehr oder minder trefflich gelernt hat sich zu bewegen.
Nachdem die Grenze zwischen Gesunden und Kranken und deren Sicht- und Verarbeitungsweisen jedenfalls eine fließende ist, sollten gerade Sie sich nicht wundern, wenn die Einsicht Psychotherapie zu finanzieren auch in der Politik eines langwierigen, therapeutischen Prozesses bedarf, der voll mit Widerständen gepflastert ist.
Bleiben wir beim Bild der Ökonomisierung. Die Debatte über die steigenden Gesundheitsausgaben hat nicht erst seit gestern zu einer Debatte über die Sinnhaftigkeit und Angemessenheit verschiedenster medizinisch_therapeutischer Interventionen geführt.
Dass die Diskussion über die Finanzierbarkeit von Psychotherapie nach jahrelangen Hinhalte- und Verzögerungstaktiken erneut die Frage nach dem Nutzen von Psychotherapie und der Wirksamkeit psychotherapeutischer Verfahren aufwärmt, darf daher nicht verwundern.
Ob hier wissenschaftliches Interesse oder die Verantwortung ordentlicher Kaufleute das treibende Motiv Studien in Auftrag zu geben war, mag dahingestellt bleiben. Nehmen wir einmal freundlich an beides könnte zutreffen.
Wirtschaftliches Handeln ist gewissen Gesetzen unterworfen. Die Resultate dieses Handelns Evaluierungsverfahren zu unterwerfen, ist daher nichts Verwerfliches.Nachdem im Bereich der Medizin und Pharmakologie recht heftige Kontroversen über Angemessenheit und Nutzen von Therapien zahlreiche Fachjournale füllen _ ich erinnere Sie nur an die Auseinandersetzungen über den Wert von Mammographieprogrammen oder den der Hormontherapie in der Menopause _ sollten wir uns gerade bei psychotherapeutischen Verfahren über die Möglichkeit und Grenzen biometrischer Evaluierungsmethoden einigen.
Es MedizinerInnen gleichzutun und naturwissenschaftliche Indikatoren in Tabellen, Histogrammen und anderen Graphiken zu fassen und so den Erfolg psychotherapeutischer Interventionen plausibler zu machen, ist nicht allein eine Reaktion auf strenge Kassen und die Bilanzbuchhalter der Gesundheitspolitik. Mir scheint es ist auch die Suche nach einem neuen, medikozentrischen Selbstwertgefühl der Therapeuten _ so nach dem Motte _von der Laienanalyse zum Professionalismus_.
Dieser, speziell durch die universitäre Medizin ausgelöste, reflexhafte Legitimationszwang , der als Bücher- und weiche Wissenschaft denunzierten Psychotherapie treibt kontraproduktive Blüten, wenn Ökonomie als Unterwerfung gegenüber Moden und Trends der Märkte missverstanden wird.
Nicht alle Wissenschaftsdisziplinen lassen sich über den gleichen Kamm scheren und weshalb sollte, was als Unterschied bei Quantenoptik und Architektur verstanden wird, bei Medizin und Psychotherapie so hartnäckig unverstehbar bleiben?
Unterschiedliche Meinungen und knallharte Interessenskonflikte beherrschen die Szene und werden nicht selten auf Kosten der PatientInnen ausgetragen.
Sind randomisierte und kontrollierte Studien, wie sie uns begegnen, wirklich der Goldstandard einer Wirksamkeitsanalyse? Ist ein Konzept, welches Therapien als geplante und kontrollierte Tätigkeiten definiert, in denen Individuen mit Hilfe standardisierter, störungsspezifisch wirksamer Interventionen behandelt werden, bedingungslos auf Psychotherapie übertragbar?
Wenn sich etwas bei Angst- und Zwangsstörungen bewährt, rechtfertigt es dann auch die unkritische Ausweitung auf alle anderen psychischen Leiden und Konflikte?
Professionelle und wissenschaftlich fundierte Psychotherapie und Psychotherapieforschung umfassen ein wesentlich breiteres Spektrum von Auffassungen, sowohl in Bezug auf die Art und Weise therapeutischer Einflussnahmen, als auch in Bezug auf die anzuwendenden Forschungsmethoden. Die Reduktion der Wissenschaftlichkeit auf ein einzelnes Evaluierungsverfahren würde bedeuten, dass Erkenntnis in der Psychotherapieforschung nur mittels eines einzigen Untersuchungsdesigns gewonnen werden kann. Sollte ein derartig reduziertes Indikatorenmodell Grundlage für staatliche Anerkennung und Kostenrefundierung durch die Kassen werden? Ich meine nein!
Bedarf es besonderen Mutes oder ist es denn so unwissenschaftlich darauf zu bestehen, dass es unterschiedliche Lebensziele, Wertvorstellungen, Erfahrungen und kulturelle Gewohnheiten gibt und dass dies auch unterschiedliche und kontroversielle Auffassungen legitimiert?
Differenzierung heißt aber nicht Preisgabe grundlegender akademischer Ansprüche was die Güte wissenschaftlicher Argumentation betrifft. Bei aller Gesetzmäßigkeit bestimmter psychischer Mechanismen sollte der Respekt vor der jeweiligen Einzigartigkeit der Person und ihre Lebensgeschichte nicht unreflektiert zu normativen Therapien verleiten.
Wenn der Verlauf und die Therapie von Herzvitien schon recht komplex ist, wie schwer lassen sich die psychische Verarbeitung einer Leukämie und neurotisches Verhalten additiv bilanzieren?
Was bringt es, wenn massenspektrometrisch im Harn von Tumorkranken ein fluoreszierendes Molekül detektiert wird, dieses Molekül bald darauf auch bei Entzündungen zu finden ist und man sich dann psychiatrischen Erkrankungen mit dem Habilitationswunsch nähert auch hier Neopterin - so nennt sich das Molekül _ zu finden?
Mit Schrecken erinnere mich an einen internistischen Kongress, der sich einen Nachmittag der Psychosomatik und der Psychoonkologie widmete. Ein Vortrag von KollegInnen behandelte die Koitusfrequenz bei lebensbedrohlichen Tumorerkrankungen und nach Organtransplantationen. Was blieb war nicht nur ein dümmlicher, hochnäsiger sonder auch beschämender Eindruck, insbesondere weil pseudowissenschaftliche Genauigkeit den Blick auf Verzweiflung, Angst, Sehnsucht, Einsamkeit, Eifersucht und Abschied verstellten und Hausverstand und Einfühlungsvermögen nicht einmal den Rang einer Fußnote erreichten.
Ich berichte Ihnen über diese Erfahrungen, weil der Druck auf die Psychotherapie nicht allein durch die sich verknappenden Ressourcen, durch die salopp formulierte baldige Unfinanzierbarkeit des Gesundheitssystems, sondern auch durch eine tiefgreifende Skepsis gegenüber der Wissenschaftlichkeit therapeutischer Interventionen Nahrung bekommt. Nicht grundlos spielt Psychoanalyse an österreichischen Universitäten ein Schattendasein, nicht folgenlos wurde Psychologie an Universitäten über Jahrzehnte vielfach als Variante der Sinnesphysiologie vertreten und die Widerstände der hiesigen Psychiatrie gegen das Psychotherapiegesetz sind mir in lebhafter, wenn auch nicht bester Erinnerung.
Die Frage nach der effektivsten und effizientesten Intervention ist problematisch auch dann, wenn sie nicht von Behavioristen oder der biologischen Psychiatrie gestellt wird.