Sehr geehrter Herr Dr. Weihs,Angioödem ist nicht gleich Angioödem. Für den Patienten ist es allerdings entscheidend, mitunter sogar lebensrettend, dass der Arzt schnell die richtige Angioödemform diagnostiziert und adäquat behandelt. Um Diagnose, Therapie und Neuentwicklungen ging es beim Angioödem 2007 in Köln. Am Symposium nahmen Mediziner, Pharmakologen und Wissenschaftler aus Deutschland Österreich und der Schweiz teil, um erstmals ihre Erkenntnisse und Erfahrungen auszutauschen. Weitere Informationen entnehmen Sie bitte beiliegender Presseinformation.
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P R E S S E I N F O R M A T I O N
Angioödem 2007: Erste interdisziplinäre Tagung in Köln
Herausforderung Angioödem-Behandlung
Köln, 30.April 2007 (dk). Angioödem ist nicht gleich Angioödem: Auslöser und Mediatoren unterscheiden sich erheblich. die Vielfalt der Angioödeme, Diagnose und Therapie waren daher Thema des gleichnamigen Symposiums Angioödem 2007 im März in Köln. Erstmals kamen Mediziner, Pharmakologen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz zusammen, um sich über den State of the Art, neueste wissenschaftliche Erkenntnisse und therapeutische Neuentwicklungen auszutauschen. Veranstalter war die Arbeitsgruppe Vaskuläre Medizin der HNO-Uniklinik Düsseldorf unter der Leitung von Prfessor Georg Kojda. Unterstützt wurde die Veranstaltung von der Jerini AG.
Angioödeme haben viele Ursachen. Oft treten sie im Rahmen eines allergischen Geschehens zusammen mit einer Urticaria auf, betonte Prof. Dr. Jürg Nussberger aus Lausanne. Seltener gehen sie auf einen Gendefekt oder eine ACE-Hemmer-Behandlung zurück. Da allergische Angioödeme jedoch auch außerhalb der Mischform auftreten, und zwar in bis zu 20 Prozent der Fälle, bleiben Diagnose und Therapie der verschiedenen Angioödemformen eine stete Herausforderung. Für die Therapie entscheidend ist der Mediator, der die Schwellung verursacht. Während ein allergisches Angioödem immunologisch bedingt ist und durch Histamin vermittelt wird, ist bei anderen Angioödemformen Bradykinin der zentrale pathogenetische Faktor. Allergischen Angioödemen wird mit Antihistaminika und im Notfall mit Adrenalin begegnet. Bei Angioödemen, die durch einen Mangel an C1-Esterase-Inhibitor (C1-INH) bedingt sind, wird dieses Protein intravenös substituiert. Der C1-INH greift regulierend in die Bradykinin-Freisetzung ein.
Abgrenzung HAE
Zu den Bradykinin-vermittelten Angioödemen gehört das hereditäre Angioödem (HAE). Es ist eine seltene, autosomal dominant vererbte Erkrankung. Schätzungen zufolge liegt die Prävalenz zwischen 1:10.000 und 1:50.000. Die Krankheit ist durch wiederkehrende Schwellungsattacken verschiedener Körperregionen charakterisiert. Hautödeme werden am häufigsten im Gesicht und an den Extremitäten beobachtet sie können schmerzhaft und entstellend sein. Lebensgefährlich sind Angioödeme im Bereich des Larynx, unterstrich Nussberger. Unbehandelt können sie zum Erstickungstod führen. Es wird geschätzt, dass 30 bis 40 Prozent aller unbehandelten Patienten mit einem akuten Larynxödem sterben. HAE-Attacken treten auch im Gastrointestinaltrakt auf. Die Leitsymptome sind episodisch auftretende krampfartige Schmerzen, die von Übelkeit, Erbrechen und mitunter heftigen Durchfällen begleitet werden, sagte Prof. Konrad Bork aus Mainz. Aufgrund der erheblichen Flüssigkeitsverluste können Patienten sogar in einen Volumenmangelschock geraten.
Die Ursache von HAE liegt zu 85 Prozent in einer verminderten Synthese des C1-INH, bei 15 Prozent ist die Erkrankung auf eine Proteinfehlfunktion zurückzuführen. Neben Typ I und II wurde kürzlich ein sehr seltenes HAE vom Typ III beschrieben, das nur bei Frauen auftritt. Es zeichnet sich durch eine unauffällige Plasmakonzentration sowie Aktivität von C1-INH aus, so Bork.
Die HAE-Diagnose ist denkbar einfach. Ergibt sich aus klinischer Symptomatik, sorgfältiger Anamnese und Familienanamnese ein HAE-Verdacht, wird dieser durch die Bestimmung der C1-INH-Plasmakonzentration bzw. durch eine entsprechende Funktionsdiagnostik abgeklärt. Die Messung der C1- und C4-Konzentration sowie eine Genanalyse können außerdem zur Diagnostik herangezogen werden. Mittlerweile sind über 150 Mutationen des für den C1-INH codierenden Gens bekannt, sagte Dr. Wolfhart Kreuz aus Frankfurt am Main. Zur akuten Behandlung steht derzeit ein C1-INH-Konzentrat zur Verfügung, das üblicherweise intravenös beim Arzt oder in der Klinik verabreicht wird.
HAE-Therapieoptionen der Zukunft
In Kürze wird eine weitere Therapieform für akute Attacken verfügbar sein, so Bork. Dabei handele es sich um den Bradykinin-B2-Rezeptor-Antagonisten Icatibant. Er verhindert die Bradykinin vermittelten Reaktionen und unterbindet somit die Angioödembildung. In zwei klinischen Phase III-Studien habe sich das subkutan applizierbare synthetische Dekapeptid als wirksam und gut verträglich erwiesen. Neben Icatibant werden derzeit weitere Behandlungsmöglichkeiten für HAE-Patienten entwickelt: Ein aus transgenen Kaninchen gewonnenes C1-INH-Präparat und ein gentechnisch hergestellter Kallikrein-Hemmer.
Angioödeme unter ACE-Hemmer-Behandlung
Bradykinin vermittelte Angioödeme treten auch infolge einer Hypertoniebehandlung mit ACE-Hemmern auf. An diese Möglichkeit solle unbedingt gedacht werden, wenn sich ein Bluthochdruckpatient beim Arzt oder in der Klinik mit einem Angioödem vorstelle, unterstrich Nussberger. Die Angioödeme treten im Median innerhalb der ersten sechs Monate nach Behandlungsstart auf. Manchmal stelle sich die erste Reaktion auch erst nach acht oder zehn Jahren ein. Nach Absetzen der Therapie folgen keine weiteren Attacken.
Der Schlüssel für die ACE-Hemmer-assoziierten Angioödeme ist das Angiotensin Converting Enzyme (ACE). Es spielt nicht nur eine wesentliche Rolle bei der Blutdruckregulierung, sondern steuert gleichzeitig den Bradykininabbau. Ein erhöhter Bradykinin-Spiegel ist dafür verantwortlich, dass nach heutigen Erkenntnissen einer von hundert Patienten unter Therapie mit einem ACE-Hemmer eine Angioödem-Attacke pro Jahr entwickelt.
Konservative, auf Studien aus den 90ern basierende Schätzungen gehen von einer Angioödem-Inzidenz von 0,3 Prozent aus. Setzt man rund 40 Millionen Verschreibungen von ACE-Hemmern jährlich an, so ergeben sich 120.000 Angioödem-Attacken. Experten gehen davon aus, dass 20 Prozent davon im Respirationstrakt auftreten und somit 24.000 Patienten lebensgefährliche Angioödeme erleiden. Annähernd ein Prozent stirbt daran. Insgesamt sind ACE-Hemmer bei mindestens 240 Fällen weltweit todesursächlich. Vor diesem Hintergrund sei eine Anti-Bradykinin-Behandlung sehr begrüßenswert, resümierte Nussberger.
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