Dr.R.Marx, O. Scheibenbogen

Visualisierung der Respiration

als verhaltenstherapeutische Intervention bei Angsterkrankungen

Zusammenfassung

Patienten mit Angsstörungen zeigen meist ein stark ausgeprägtes Vermeidungsverhalten. Werden diese Patienten jedoch mit der angstauslösenden Situation konfrontiert, kommt es zu einem erheblichen Beschwerdeerleben sowohl auf physiologischer als auch emotionaler Ebene. Durch das Erlernen einer bestimmten Atemtechnik mittels Blofeedback kann der Betroffenen solche Krisensituationen kontrollieren und einer Zunahme der Symptomantik entgegenwirken.

Einleitung

Inder Atmung bildet sich unsere Befindlichkeit ab. Angst und Streß z.B. weisen typische Atemmuster auf, die gekennzeichnet sind durch z.B.

* unrhythmischen Verlauf (vor Schreck bleibt einem die Luft weg, vor lauter Angst sich nicht zu atmen trauen, vor einer belastenden Situation einmal tief Luft holen etc.)

* zu schnelle Atmung = Hyperventilation mit sich daraus ergebenden Symptomen von Dereallsation, Schwindel, Herzrasen etc.

Wird nun in Furcht- oder Streßsituationen gegen die Impulse der typischen Streß- bzw. Angstatmung mit einer entspannenden Atmung reagiert, so wird dadurch die Angst bzw. Streßempfindung so deutlich gemildert, daß psychotherapeutisch erarbeitete Bewältigungsverfahren besser greifen können. Im Bereich der Prophylaxe ist das Atemfeedback ein sehr wirksames Entspannungsverfahren, das rasch erlernbar und für den Therapeuten leicht anwendbar ist.

(Marx & Scheibenbogen , 1998)

Die Atmung dient hauptsächlich dem Gasaustausch des Organismus (Sauerstoffaufnahme, Kohlendioxidabgabe). Bei körperlicher Belastung nimmt die Atemfrequenz und das Atemvolumen deutlich zu. Chemorezeptoren registrieren die Blutgaszusammensetzung und melden diese an das Atemzentrum, welches in der Medulla oblongata und im Brückenhirn lokalisiert ist. Einatmung (Inspiration) und Ausatmung (Expiration) werden von verschiedenen, im Atemzentrum angesiedelten Neuronenverbänden gesteuert. Einflüsse auf das Atemzentrum gehen außer von den Chemorezeptoren auch noch von den Dehnungsrezeptoren in der Lunge, den Kälterezeptoren in der Haut, vom Hypothalamus und von der Großhimrinde aus.

Durch Entspannungsverfahren kommt es in der Regel zur Abnahme der Atemfrequenz und zu einer Abflachung des Atemvolumens. Beim autogenen Training konnte weiters eine Zunahme der abdominalen gegenüber der thorakalen Atmung beobachtet werden. Auch das Verhältnis zwischen Inspirations- und Expirationszeit ändert sich.

Infolge der Bauchatmung kommt es zu einem wesentlich größerem Atemluftaustausch in der Lunge bei gleicher Anstrengung, durch das Heben und Senken des Zwerchfells wird das Sonnengeflecht massiert und die Magen-Darm-Aktivität günstig beeinflußt.

Technik des respiratorischen Feedback

Folgende Punkte sind bei der Bauchatmung zu berücksichtigen:

1. Es wird nicht in die Brust geatmet, sondern in den Bauch.

2. Der aktive Teil der Atmung ist die Ausatmung (Verminderung des C02-Drucks).

3. Kurz und zügig einatmen und sofort übergehen in langsame und entspannende Ausatmung.

4. Eine Atempause wird nur nach dem Ausatmen gemacht. 5. 7-8 Atemzüge pro Minute.

6. Achten auf die Regelmäßigkeit der Atmung

Einatmen ist verbunden mit muskulärer Anspannung (dunk

ler Bereich), Ausatmen mit muskulärer Entspannung (heller Bereich). Wenn nun, wie aus der Kurve ersichtlich ist, die entspannenden Anteile der Atmung dominieren so hat dies neben den anderen vegetativ günstigen Effekten (wie z.B. Reduktion des C02 Drucks) auf die Gesamtentspannung einen positiven Einfluß.

Beispiel einer sehr ungünstigen Hyperventilation. Die betreffende Person verharrt nach der tiefen Einatmung in der Anspannung, atmet nur kurz aus und dann sofort wieder ein. Der C02 Druck ist hoch weil nicht genügend ausgeatmet wird, dadurch wird der Impuls zur Einatmung verstärkt außerdem bleibt die muskuläre Anspannung bestehen. In der Atemkurve sind mehr Anteile von Anspannung als von Entspannung enthalten (Verhältnis dunkel zu hell in der Abb.2)

Für die Kontrolle einer off izienten Bauchatmung sollte zusätzlich die Brustatmung aufgezeichnet werden. Diese sollte aber eine wesentlich geringere Amplitude aufweisen als die der Bauchatmung. (Positive Korrelation)

Für den Therapeuten sind 4 Parameter vor jeder Sitzung einzustellen:

1. Amplitude der Kurve (Atemvolumen)

2. Atemfrequenz (Atemzüge pro Minute)

3. Das Verhältnis zwischen Ausatmen, Pause und Einatmen

4. Faktor der Abrundung der Kurve im Vergleich zum ideaiisierten Verlauf

Beim Einatmen kommt es zu einer Herzbeschleunigung beim Ausatmen tritt hingegen eine Verlangsamung auf (RSA: respiratorische Sinusarrhythmien).

Das Atem-Feedback oder Respiratorische-Feedback ist eine Technik, deren Ziel es in erster Linie ist, einen tiefen, generalisierten Entspannungszustand zu erreichen. Als sehr kurzes, aber doch wirkungsvolles Eritspannungsverfahren, hat sich die Bauchatmung erwiesen (Gross 1984). Bewährt hat sie sich bei Panikzuständen, In-Vivo-Konfrontationsverfahren und vor Übungen im Rahmen des Sozialen Kompetenztrainings.

Dabei wird der Patient instruiert eine zuvor vom Therapeuten adaptierte, "ideale" Atemkurve nachzuatmen (Abb. 3). Dies erweist sich gerade zu Beginn der Intervention als belastend für den Patienten, da er entgegen seinen automatisierten Atemrhythmus atmen muß. Durch Training der optisch am

Gerät vorgegebenen physiologisch sinnvollen Aternkurve, wird diese rasch visuell intemalisiert und automatisiert, so daß dieser optimale Atemverlauf nach einigen Sitzungen ohne Vorgabe vom Patienten beherrschtwird. Die Effektivität dieser nun besseren Atmung kann ebenfalls mittels des Blofeedbackgeräts (Abb. 4) in einer Abnahme des SCL (Skiri Conductance Level, Hauteitfähigkeit) nachgewiesen werden. Es ist eine deutliche Reduktion der Sympatikusaktivität zu beobachten.

Patienten mit Panikattacken berichten häufig über Symptome wie Tachykardie, Kurzatmigkeit (Dyspnoe), Erstickungsgefühlen, Schweißausbrüchen, Schwindel, Benommenheit umm.. In solchen Krisensituationen kann eine richtige Atmung wesentlich zur Linderung dieserSymptomeauf physiologischer Ebene beitragen. Der wesentliche Vorteil besteht darin, daß diese Methode in nahezu allen Alltagssituationen angewendet werden kann, da sie von anderen Personen nicht wahrgenommen wird und es daher zu keiner weiteren Exposition des Betroffenen kommt.

Auch auf kognitiver Ebene gibt es Argumente, die für den Einsatz der Atemtechnik in Krisensituationen spricht. Panikpatienten berichten häufig darüber schon kurz vor dem eigentlichen Anfall Zeichen für diesen wahrzunehmen. In weiterer Folge beschäftigt sich der Betroffene immer intensiver mit den, diesen Zustand begleitenden Kognitionen, die diesen weiter verstärken.

Beim Erlernen einer richtigen Atmung, wird das Bild de idealen Atemkurve mit der Zeit im Gedächtnis gespeichert es wird internalisiert. Damit hat der Betroffene ein instrument zur Verfügung,mit dem er aktiv gegen die im stärker werdenden negativen Kognitionen ankämpfen kann. Dadurch kann dieser Circulus vitiosus unterbrochen werden

Atmung anwenden zu können, muß der Patient sich die erlernte Atemkurve ins Gedächtnis rufen und sich aktiv damit auseinandersetzten, die negativen Kognitionen in Bezug auf die bevorstehende Panikatacke werden damit in den Hintergrund gedrängt.

Literatur

Hahrun, A. (1997). Furcht und Phobien. Göttingen, Bern, Toronto, Seattle: Hogrefe

Marx R, Scheibenbogen 0. (1998). unveröffentlichtes Seminarskript

Schandry, R. (1989). Lehrbuch Psychophysiologie- Körperliche Indikatoren psychischen Geschehens.
München: Psychologie Verlags Union

Schwartz M. S. (1995). Biofeedback. A Practitioners Guide. New York. London: The Guilford Press

Valtl D., Peterrnann F. (1993). Handbuch der EntspannungsverfahrenI. Weinheim Psychologie Verlags Union